Ente am Ende
Der Sozialismus, den ich meine
Montag, 16. April 2012, 12:19

Gelegentlich, wenn unwissende und/oder übelwollende Kreise noch nachträglich über die kläglich untergegangene DDR herziehen, fühle ich mich bemüßigt, diesem leicht kafkaesken Staat, den zu besuchen ich manches Mal die Ehre und das Vergnügen hatte, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen; und dann verteidige ich seine nicht wenigen Errungenschaften und komme auch regelmäßig zu dem Schluss, dass er – bei allen Defiziten und auch himmelschreienden Ungerechtigkeiten – im Vergleich zur real existierenden BRD eindeutig "das bessere Deutschland" gewesen sei.
Dies legen mir allerdings unwissende und/oder übelwollende Kreise so aus, als wäre dieser ehemalige sogenannte Sozialismus mein Gesellschaftsideal. Um also jeglichem Missverständnis vorzubeugen, möchte ich (auch im Namen der Partei, der das Selbe nachgeschimpft wird) ganz klar und deutlich bekanntgeben: Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten, und keiner will die olle DDR zurück.
Sozialismus, wie ich (bzw. hoffentlich wir) ihn verstehe(n), würde statt dessen so funktionieren, dass jeder nach seinen Fähigkeiten arbeiten und nach seinen Bedürfnissen konsumieren würde. Dort (in dieser gar nicht so fernen Welt) würde ich wie alle anderen heute meinen Einkaufszettel ins Internet eingeben und morgen die solcherart planwirtschaftlich produzierten und gelieferten Waren im Supermarkt abholen. Wenn mir mein bedingungsloses Grundeinkommen nicht ausreicht und ich für besondere Wünsche etwas mehr Geld benötigte, würde ich im Internet nachschauen, wann und wo ich mich nützlich machen könnte, wobei die Löhne ebenso wie die Preise nach Angebot und Nachfrage ermittelt würden, so dass schwere und/oder unangenehme Arbeit entsprechend besser bezahlt würde als leichte und/oder angenehme Tätigkeiten sowie ausgefallene und/oder schwer zu beschaffende Produkte teurer wären als das "tägliche Brot".
Und wer würde das alles organisieren? Die Allgemeinheit, und zwar permanent und weltweit. Jede Entscheidung – von der Frage, wer spült, bis zur Marsexpedition – würde von allen Betroffenen bzw. Interessierten gemeinsam diskutiert und dann mehrheitlich getroffen. Eine solche Gesellschaft ohne Hierarchien bräuchte auch keine Grenzen und Kriege mehr, da es keine institutionalisierte Ungerechtigkeit mehr gäbe, und ob wir das dann "weltweite Demokratie", "Sozialismus", "Kommunismus", "Paradies auf Erden", "New World Order" oder "Pusemuckel" nennten, wäre dann auch nicht mehr weiter interessant.
Aber wie kämen wir denn dahin? Nun, nicht per Revolution, sondern als Evolution – durch mehr und mehr politische Partizipation, Mitbestimmung, Plebiszite, "Liquid Democracy". Die technischen Mittel sind vorhanden, und wir alle (selbst die heute noch Reichen und Mächtigen) könnten dabei nur gewinnen.
So, und jetzt dürft ihr mir gerne erklären, warum das alles nicht funktionieren kann, darf und soll...

senf dazu



uwe sak, 2012.04.16, 16:32
Nun, es wird Dich nicht überraschen, aber da sind wir uns beide einig, bis auf 2 Einwände:
Nicht ALLES sollte die Mehrheit entscheiden, es muß auch Minderheitenrechte geben. Also: Wenn eine Mehrheit mein Ableben wünschte, würde ich das kaum tolerieren....
Und die Evolution ist ein Prozess, der hoffentlich zu etwas führt, was über unseren bekannten Begrifflichkeiten hinaus geht.
Aber ich denke, wenn man sich fast einig ist, sollte man dies betonen und nicht die Unterschiede.

Zitat:
ob wir das dann "weltweite Demokratie", "Sozialismus", "Kommunismus", "Paradies auf Erden", "New World Order" oder "Pusemuckel" nennten, wäre dann auch nicht mehr weiter interessant.
Zitatende

Genau so sehe ich das auch.

Da jede_r manchmal zur Minderheit gehört, ließe sich garantiert eine Mehrheit für Minderheitenrechte finden...
Und bestimmt wird die Evolution (gedacht als kontinuierliche Weiterentwicklung ohne "revolutionäre" Brüche und Einschnitte) die Menschheit in heute noch unvorstellbare Höhen tragen. : )

Vom Prinzip her bin ich auch dafür. Aufgrund der geschichtlichen Ereignisse sind meine Befürchtungen allerdings, dass dieses globale "System" am Ende nur die Weltherrschaft weniger einzelner stützen wird. Das Problem sehe ich nicht in dem von Dir angesprochenen Systemn an sich sondern eher in der manipulierbarkeit der mehr oder minder unterbelichteten Masse. Die Idealisten unter uns kann man schwer blenden, aber der sogn. Mob ist leicht für eine nicht aufzuhaltende Entwicklung zu lenken. Die jenigen, die nicht an der installaltion des wahren Anarchismus interessiert sind waren bis jetzt sehr geschickt im Umgang mit der unterbelichteten Masse. Da wo Machtvaakuum enstehen gibt es immer begehrlichkeiten von der sogn. Elite. Weitergedacht befürchte ich, dass durch uns Idealisten am Ende die Weltregierungt udn damit die weltweite Versklavung langfristig nur unterstützt wird. Daher glaube ich sollte man langsam anfangen von Staat zu Staat bzw. von Region zu Region um zu sich von der Nachhaltigkeit einer modernen Demokratie (Volksherrschaft) bzw. Anarchie zu überzeugen und nicht am Ende doch nur in der modernen Skalverei angekommen zu sein.

Warum sollte sich die Mehrheit der Menschen freiwillig in eine Sklaverei begeben (bzw. diese selber herbeiwählen)?
senf dazu
 

qwertzy, 2012.04.18, 04:44
Eine Gesellschaft, die über jede wirtschaftliche Entscheidung diskutieren und abstimmen müsste, wäre vieles, aber sicherlich nicht ohne Hierarchien.
Dahingegen funktioniert unser aktuelles marktwirtschaftliches System nach genau diesen Kriterien. Es ist von der Allgemeinheit organisiert, orientiert an den Fähigkeiten der Menschen (zugegebenermaßen nur mit sozialstaatlichem Aufsatz auch an deren Bedürfnissen) und ist für seine Funktion nicht auf Machtstrukturen in der Wirtschaftsordnung angewiesen (wohl aber auf politische).
Institutionalisierte Ungerechtigkeit kann und muss man mithilfe eines demokratischen Systems bekämpfen, dazu ist aber kein Sozialismus nötig.

Wo bitte wären denn da die Hierarchien?
Und seit wann bitte schön ist denn "unser aktuelles marktwirtschaftliches System" (...) "von der Allgemeinheit organisiert" und "orientiert an den Fähigkeiten der Menschen"? Leben wir eventuell in verschiedenen Welten?

Da nicht alle Beteiligten am Wirtschaftsprozess gleichzeitig miteinander reden können, müssen Einzelmeinungen durch eine represäntativ organisierte Diskussionskultur gebündelt werden, damit die ganze Breite des Meinungsspektrums gerecht abgebildet wird. Durch die zwingende Repräsentation (weil nunmal nur eine bestimmte Anzahl von Menschen vernünftig gleichzeitig miteinander diskutieren können) entstehen Hierarchien wie wir sie im politischen System (Parteien, Medien, Kommunal- Landes- und Bundesparlamente) sehen können. Dass diese Hierarchien langsam und ineffizient sind, steht wohl außer Frage, aber sie sind nötig um legitimierte allgemeingültige Entscheidungen zu treffen.
Zum Glück braucht man dieses System zwingend nur im politischen Feld (Regeln zur Gewaltausübung des Staates). Die Wirtschaft kann ohne Hierarchien und somit um einiges freier und gerechter über ein marktwirtschaftliches System organisiert werden. Dieses ist (zugegbenermaßen nur in demokratischen Staaten) indirekt über die repräsentative Regierung von der Allgemeinheit organisiert.
Es orientiert sich an den Fähigkeiten der Menschen, da es diese durch Löhne dazu anreizt, ihre Fähigkeiten zum größten Nutzen der Gesellschaft zu verwenden.
Wir leben schon in der gleichen Welt, wir sehen sie nur verschieden ;)
Wenn du am Thema interessiert bist und nach dem Text hier noch nicht vollkommen den Willen verloren hast, meine Gedanken nachzuvollziehen, kann ich dir dieses wunderbare Werk empfehlen:
http://www.amazon.de/dp/3636030337

Da wir (wie hier überzeugend dargelegt) nicht mehr im Postkutschenzeitalter leben und mit heutigen Kommunikationsmitteln durchaus alle Beteiligten am Wirtschaftsprozess gleichzeitig miteinander reden können, sind vermittelnde Oragnisationen (Parteien, Medien, Kommunal- Landes- und Bundesparlamente) inzwischen nicht mehr nötig, ebenso wie die überholten Lehrbücher der alten Ökonomie.

Ich meine nur, wenn man das aktuelle Wirtschaftssystem kritisiert, sollte man sich die Zeit nehmen es möglichst umfassend zu verstehen, um die Probleme, die es am korrekten (und gerechten?) Funktionieren hindern eindeutig identifizieren zu können und nicht in Aktionismus an falscher Stelle (z.B. bei der Ressourcenallokation) zu verfallen.
Die modernen Kommunikationsmittel sind ein Segen, aber auch sie können die Notwendigkeit der Hierarchien bei der politischen Entscheidungsfindung nicht überwinden (wie man z.B. bei der Piratenpartei sehen kann, die die "neuen Medien" in vollem Umfang und auch korrekt zur maximalen Partizipation nutzt, aber am Ende doch auf gewisse hierarchische Strukturen angewiesen ist).
Eine staatliche Planwirtschaft zumindest ist noch älter als die ältesten Vertreter der "alten Ökonomie".

Nochmal: es geht um eine permanente Bedarfsermittlung in einem Staat, in dem Alle gleichberechtigt mitentscheiden dürfen - und so etwas hat es bisher weder im alten Mesopotamien noch in der ollen DDR oder sonstwo gegeben.
Und um zu erkennen, dass unser momentanes Wirtschaftssystem zutiefst ungerecht ist und obendrein nicht funktioniert, muss man es nicht in all seinen Fein- bzw. Grobheiten studiert haben. Die Zeit lässt sich anders gewinnbringender nutzen, z.B. durch die Erarbeitung von Alternativen.

senf dazu
 

234, 2012.06.16, 18:26
"Und wer würde das alles organisieren? Die Allgemeinheit, und zwar permanent und weltweit."

Ich lese diesen Blog aus einem genuine Interesse an dem Thema und stelle an fest: legt der Liberale/Neoliberale Geist zu viel Vertrauen in die positive Kraft des individuellem Streben, traut der linke Geist dem Individuum zu viel an aufgeklärter kritischer Macht und Ausrichtung zu. Der Bürger heute kann kaum auf alle potentiellen Entscheidungen eingehen, wie soll er in Zukunft, trotz technischer Hilfsmittel, sich selbst kontrollieren? Das Prinzip der funktionalen Differenzierung funktioniert deshalb, weil nicht jeder Alles macht.

Natürlich kann und soll nicht jeder Alles machen - aber es würden sich sicherlich zu jeder Frage je nach Neigung und Fähigkeit qualifizierte Mehrheiten finden lassen. Es wäre zwar keine Garantie für allezeit 100 % richtige Entscheidungen, aber nach Lage der Dinge wahrscheinlich das Optimum, dem (immer egoistischen und oft sozial schädlichen) individuellen Streben ein kollektives Korrektiv entgegenzusetzen.
Oder wollen wir auf den "guten König" (Führer, Messias) warten, der es dann für uns alle richten soll? Hierarchische Systeme mögen zeitweise "funktionieren" - erstrebenswert sind sie meines Erachtens aber nicht.

senf dazu
 
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