Bekanntlich hat der große (und leider viel zu früh verstorbene) Robert Gernhardt bereits 1990 in seinem fulminanten Vorwort zu Reim und Zeit darauf erkannt, dass es für die grundlegende Vokabel "Mensch" im Deutschen kein Reimwort gäbe; ich zitiere hier im größeren Kontext:
»Was bleibet aber, stiften die Dichter« – wirklich? Ist es nicht vielmehr die Sprache selber, die das Dichterwort schamlos gängelt, indem sie hier Zusammenhänge verwehrt, dort in geradezu unsinniger Menge stiftet? 129 Reimwörter führt der »Steputat« für die eigene Endsilbe »-at« an, von »Achat, Advokat, Aggregat« über »Rat (Titel), Rat (Hinweis), Rat (Körperschaft)« bis hin zu »ich lad, ich schad, ich verrat«. Dementsprechend breit kann der Dichter nichtsnutzige Vorgänge wie den folgenden ausmalen: »Der Advokat aß grad Salat, als ihm ein Schrat die Saat zertrat.«
Nichts aber fiele dem gleichen Reimer ein, äße da nicht ein windiger Rechtsverdreher, sondern ein schlichter, dabei aber doch so unendlich viel wichtigerer »Mensch« seinen – ja, was eigentlich? Bekanntlich wissen weder der »Steputat« noch die deutsche Sprache einen Reim auf Mensch, und selbst ein so gewitzter Wortsucher wie Peter Rühmkorf wurde erst im Plural fündig:
Die schönsten Verse der Menschen
– Nun finden Sie schon einen Reim! –
Sind die Gottfried Bennschen:
Hirn, lernäischer Leim.
Nun fiel mir aber auf, dass der auf seinem Gebiet nicht minder große (und zum Glück noch nicht verstorbene) Funny van Dannen bereits 1995 dem Desideratum nachgekommen ist und in seinem schönen Lied Lebewesen einen (wenn auch dem Englischen entlehnten) Reim gefunden hat - ich zitiere wiederum im größeren Kontext:
Du siehst sie und du siehst sie nicht
sie leben im Schatten und sie leben im Licht
sie gehen ein und sie gehen aus
sie ziehen in die weite Welt hinaus
sie denken nach und sie suchen den Sinn
manche scheißen überall hin
Lebewesen, Lebewesen
bist du schon mal eins gewesen
hast du schon mal eins gekannt
kam es aus einem andern Land
Vor dem Tresen hinterm Tresen
überall sind Lebewesen
Lebewesen sind modern
manche hab ich wirklich gern
Du hörst sie und du hörst sie nicht
sie krähen wenn der Tag anbricht
sie leben im Wasser und auf dem Land
sie haben Instinkte und sie haben Verstand
sie brauchen Nahrung und irgendwann
fangen sie ein neues Leben an
Du kennst sie und du kennst sie nicht
sie haben ein Gesicht das spricht
sie fliegen hoch und sie liegen im Dreck
sie sind kurz da und lange weg
sie heißen Milbe und sie heißen Mensch
sie leben zusammen auf einer Ranch
q.e.d.
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