Ente am Ende
Ein paar (noch etwas ungeordnete) Gedanken:
Über den "rechten" (linken) Umgang mit Nazis
Donnerstag, 15. Oktober 2015, 10:06

Wie sollen wir („die Guten“) mit Nazis umgehen? Machen wir sie nicht vielleicht erst salonfähig, wenn wir auf ihre Themen und Argumente eingehen? Dürfen wir uns über sie lustig machen, oder verharmlosen wir sie dadurch oder bringen sie so dazu, sich nicht ernst genommen zu fühlen und erst recht zu radikalisieren? Sollen wir auf jede noch so mickrige Nazi-Kundgebung mit einer (hoffentlich machtvollen) Gegendemo reagieren, oder werten wir sie damit erst auf, wo ignorieren effektiver wäre? Und wer ist überhaupt (noch oder schon) Nazi? Frauke Petry, Thilo Sarrazin, Horst Seehofer?

Mit der Sprache fängt es an

Für mich alten Linguisten ist jede nationalistische Position und Argumentation abgekürzt „Nazi“*. Mit der Floskel, dass nicht jeder Rechte gleich ein Nazi sei, kann ich nicht viel anfangen, da ich im politischen Spektrum keine absoluten, sondern nur graduelle Übergänge sehe – und da ist die eine (meine), „linke“ Seite gerechtigkeitsliebend, gemeinschaftlich und sozial; die andere, „rechte“ Seite dagegen (gruppen)egoistisch, hierarchisch und national. Wo eigene Partikularinteressen rücksichtslos gegen Andere bzw. „Fremde“ durchgesetzt werden, da müssen wir von Faschismus sprechen – egal, ob dies als Nationalismus, Rassismus, Sexismus oder anderweitig daherkommt.

Bei mir persönlich haben Zugereiste erst einmal grundsätzlich einen kleinen Bonus (allein schon, um den Malus, den sie bei vielen „meiner Landsleute“ haben, auszugleichen), aber der ist eben auch sehr schnell verspielt, wenn sie sich rassistisch, sexistisch oder sonstwie faschistisch gebärden. Ich habe leider auch schon sogenannte Antifaschisten gesehen, die sich in der Gruppe allzu stark fühlten und daran berauschten, auf Einzelne (meist vermutliche Nazis) einzuprügeln; und letztendlich muss es uns doch vor allem auch darum gehen, den Faschismus in uns selber zu erkennen und zu bekämpfen.

Wie sanktionieren?

Ich bin kein Freund von staatlichen Zwangs- und Strafmaßnahmen, aber so wie die Welt und die Menschen nun einmal sind, kommen wir wohl (noch oder gar grundsätzlich) nicht umhin, für schwere Verbrechen wie z.B. Gewalttaten Sanktionen zu verhängen.

Leute zu Haftstrafen zu verurteilen, erweist sich allerdings in den meisten Fällen als kontraproduktiv, da die Meisten im Knast bekanntlich erst richtig radikal und kriminell werden, was kein Wunder ist, denn das prinzipiell kapitalistische (und letztlich faschistische) „Recht des Stärkeren“ gilt dort in besonderem Maße. Wie man hört, liest und (fern)sieht, hat dort ein Neuling, will er nicht der Lust- und/oder Prügelknabe für alle sein, dort oft kaum eine andere Wahl, als sich einer bestehenden Gruppe anzuschließen, und diese sind offenbar oft ethnisch definiert – Russen, Jugos, Araber und eben („stolze“) Deutsche; und so mancher vormalige kleine Gangster verlässt den Bau als über Leichen gehender Salafist oder Hardcore-Nazi.

Kriminelle Faschisten ausweisen**

Neulich habe ich wohlwollend einen „Säxit“ beschrieben; heute kam mir ein anderer, umgekehrter Gedanke:

Eine beliebte Nazi-Forderung lautet bekanntlich „Kriminelle Ausländer ausweisen“, wobei es den Vertretern meist ziemlich egal ist, ob die Inkriminierten einen deutschen Pass haben oder sogar in Deutschland geboren und hier m.o.w. sozialisiert und dann auch erst straffällig geworden sind.

Allerdings könnte ich mir vorstellen, dass eine Ausweisung bei bestimmten Straftaten – nämlich solchen, die aus einer regional verankerten Gruppe heraus begangen werden – pädagogisch sinnvoll sein könnte. Ganz konkret: wenn jemand z.B. aus einem Mob heraus (ob nun als Nazi oder auch als „sexy Kanaken-Gangster“) Andersaussehende oder Andersdenkende schwer verletzt hat, könnte seine Gefängnisstrafe zur Bewährung ausgesetzt werden, wenn er dafür seiner Ausweisung aus (bzw. einem zeitlich begrenztem Aufenthaltsverbot in) „seinem“ Bundesland*** zustimmt.

Zwar gäbe es bestimmt manch hoffnungslose Fälle, die dann in den Untergrund gehen oder sich (wie die berüchtigten Exilkubaner in Florida) in Nachbarländern konzentrieren und dort weiter radikalisieren würden; aber bei Anderen (und vielleicht sogar der Mehrzahl) könnte es vielleicht den Effekt haben, dass sie aus eigener Erfahrung lernen, wie es ist, seine Heimat verlassen und sich womöglich auch auf eine neue Sprache einlassen zu müssen****, und dass sie vielleicht sogar in der Fremde neue und bessere Freunde und Lebensumstände finden als in ihrem alten braunen Umfeld.

Ach ja, man wird doch wohl noch träumen dürfen...
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* „Nati“ (gesprochen [ˈnat͡si]) nennen die Schweizer übrigens ihre Nationalmannschaften
** So bekäme der alte (und oft wenig sinnvolle) Slogan „Nazis raus“ endlich eine Bedeutung
*** Ganz aus dem Staatsgebiet rausschmeißen könnten wir sie schon aus Rücksicht auf andere Staaten nicht
**** Für Sachsen oder Bayern ist bereits Hochdeutsch oft ein relativ schwer beherrschbares Idiom

senf dazu


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